Bierzauberei

BIERZAUBEREI: Bye, Bye, Dosenbier – Hello, Pale Ale!

Claudia Doyle

Günther Thömmes ist 1997 mit dreißig Kisten deutschem Dosenbier nach Kalifornien ausgewandert. Dann trank er da sein erstes Pale Ale – und verschenkte den mitgebrachten Mist. Seitdem versucht er unter dem Craft Beer Label Bierzauberei, selbst das beste Bier der Welt zu brauen. Alles andere wäre Zeitverschwendung, findet der Wahl-Österreicher.

Günther Thömmes mag keine halben Sachen. Er mag volle Leidenschaft, vollen Einsatz, volles Risiko. Also den Gegensatz zur Vollkasko-Mentalität, die er bei vielen deutschen Craft-Beer-Brauern sieht. Die sich nicht so richtig trauen, den Absprung nicht wagen. Tagsüber einen IT-Job haben und abends im Braukessel rühren. „Da kann noch so viel Leidenschaft dahinter stecken, das beste Bier der Welt wird dabei vermutlich nicht entstehen. Und das ist es doch, wonach die Brauer streben sollten!“

Thömmes spricht nicht nur so, er lebt auch so. Er ist volles Risiko gegangen, als er 2010 seinen Job in der Brauereizulieferindustrie gekündigt und die Brauerei „Bierzauberei“ im österreichischen Brunn am Gebirge gegründet hat. Nach drei Jahren war bereits die Kapazitätsgrenze seiner kleinen 200-Liter-Sud-Anlage erreicht. Er verkaufte sie an Studenten und mietete sich in eine viel größere Halle ein. Doch die Expansion lief nicht wie geplant, es gab viele technische Probleme, unter anderem ein undichtes Dach. Irgendwann ging es nicht mehr weiter und Thömmes musste aufgeben. Am Ende hatte Günther Thömmes wenig Bier gebraut, aber viel Geld verbrannt.

Hätte besser laufen können

Schwamm drüber, Fehltritte sind wichtig. So sieht Thömmes das. Es hätte besser laufen können, aber es ist halt nicht besser gelaufen. Er ist ein pragmatisch-positiver Typ. Jetzt zieht er als Wanderbrauer durch die Lande. Mal braut er mit modernster Technik im Gusswerk in Salzburg, mal bei Legenda Sörfözde in Budapest, wo die Flaschen noch von Hand gespült werden.

Bierzauberei

Der Bierzauberer macht vor allem Biere, die eigentlich nicht Biere heißen dürfen. (Fotos: Günther Thömmes/ Bierzauberei)

Sein Spektrum an Bierstilen ist breit. Von der fast ausgestorbenen Gose über IPAs bis hin zu klassischem Weizenbier ist alles dabei. Manchmal braut er auch historische Biere nach Originalrezepten aus uralten Brauereibüchern, wie sein „1852“ aus der Serie Aleysium. Das ist aufwändig, denn es müssen längst vergessene Maßeinheiten umgerechnet und besondere Zutaten wie Paradieskorn aufgetrieben werden. Seine Biere verkauft er nicht nur in Österreich, auch in Deutschland haben sie schon viele Freunde gefunden.

Doch das deutsche Reinheitsgebot versteht keinen Spaß. Vorweg: Günther Thömmes ist NICHT gegen das Reinheitsgebot. Ganz und gar nicht. Er will keine Chemie im Bier, keine Konservierungsstoffe oder künstliche Enzyme. Aber er will eine Bandbreite an Geschmack. Sonst wird das nichts mit dem besten Bier der Welt. In seinen Bieren stecken neben Wasser, Hopfen und Malz deswegen auch Pfefferkörner, Vanilleschoten oder Koriander.

Craft Beer mit Ecken und Kanten

Da er nicht in Deutschland braut, sondern in Österreich, ist das kein Problem. Er muss nur auf die Flaschen schreiben, was drin ist. Tut er auch und zwar völlig freimütig. Er nennt sogar die verwendeten Hopfensorten beim Namen! Keine Angst vor Nachahmern? Ach was, ach quatsch, selten so gelacht! Nur anhand einer Zutatenliste kann doch kein Bier imitiert werden. Bevor jemand das geschafft hat, hat sich Günther Thömmes längst drei neue Sorten einfallen lassen.

Denn er braut heute noch so spontan wie er vor 17 Jahren damit angefangen hat. Packt seine Zutaten ins Auto, fährt los, setzt das Basecap auf und den Sud an – und eine Woche später ist das Bier fertig. Bier mit Ecken und Kanten. Bier mit Wiedererkennungswert. Craft Beer halt, irgendwie.Die Kunden mögen das. In der Anfangszeit sind vor lauter Virtuosität auch mal ein paar Biere entstanden, die Thömmes selbst nicht für so gelungen hielt. Und weil er kein Geschäftsmann sondern Brauer ist, sagte er beim Vertrieb dann so Sachen wie: „Mein Neues hier, das ist nicht mein Lieblingsbier, aber sie werden sich auf jeden Fall daran erinnern.“ Und schon hatte er wieder eine Ladung verkauft. Derzeit, dass muss dann aber doch betont werden, ist er mit allen seinen Bieren zufrieden.

Bierzauberei

Und noch mal ein prüfender, aber schon auch zufriedener Blick: Der Bierzauberer Günther Thömmes (Foto: Marco Rossi)

Thömmes hat sowohl hinter dem Braukessel als auch an vorderster Vertriebsfront reichlich Erfahrung, schließlich kommt er vom Fach. Der gebürtige Bitburger hat in der ortsansässigen Brauerei Brauer und Mälzer gelernt und anschließend in Weihenstephan Brauwesen studiert, im Abschlussjahrgang von Professor Narziß, der immer noch zu den Klassentreffen kommt. Nach der Ausbildung fing er bei einem Brauereianlagen-Hersteller an und bereiste im Auftrag des Bieres nahezu die ganze Welt.

Motorrad, Möbel, Dosenbier

1997 kam das Angebot, nach Kalifornien umzuziehen. Schließlich sollten auch Nord- und Südamerika mit neuen Brauereianlagen beliefert werden. Thömmes sagte zu und packte ein paar Möbel, ein Motorrad und dreißig Kisten deutsches Dosenweißbier in einen Schiffscontainer.
Er konnte ja nicht ahnen, dass er das am Ende gar nicht brauchen würde. Denn schon am ersten Tag in seinem neuen Büro in Kalifornien bot ihm ein amerikanischer Kollege ein Sierra Nevada Pale Ale an. Prost und Cheers und auf eine gute Zusammenarbeit! Kurz nachdem die erste Flasche geleert war, begann Günther Thömmes damit, seinen gesamten deutschen Bierimport zu verschenken. Lieber nahm er noch eins von diesen … diesen Pale Ales.

Und dann kam ihm dieser verhängnisvolle Gedanke: Die könnt er doch eigentlich selbst machen! Er kaufte sich eine kleine Brauanlage und legte los. Das Handwerkszeug dazu kannte er in- und auswendig. Schließlich ist Thömmes ein Mann vom Fach. Technisch macht ihm so leicht keine etwas vor. Aber Technik ist nur das Eine. Neugierde und Spaß am Experimentieren das Andere. Und bei Thömmes kommt beides zusammen.

Der Brauer, der schreibt: Günther Thömmes ist nicht nur Brauer, sondern auch Autor. 2008 erschien mit „Der Bierzauberer“ sein erster historischer Roman, inzwischen sind Fortsetzungen auf dem Markt, außerdem ein Bierlexikon und ein paar Kurzkrimis. Die Buchserie war schließlich auch Namenspate für seine Brauerei „Bierzauberei“.
Die Bücher von Günther Thömmes sind im Gmeiner Verlag erschienen.