HOPFEN-GIN: Die Schnapsidee

Jakob KubeBier, Im Portrait

In den letzten Jahren den Gin-Boom zu verpassen? Unmöglich. Viel Neues kann da eigentlich nicht mehr kommen. Oder doch? Ha! Natürlich: Zwar ist die Idee, mal ein bisschen Hopfen unter die Botanicals zu mischen nicht komplett neu, aber es braucht doch zwei erprobte Craft Beer Brauer, hier den ganzen Schritt zu gehen. Zwei Franken schaffen mit Geschmack und Aromahopfen erfolgreich den Crossover aus Bier und Gin – und lassen selbst einen Sternekoch schwärmen.

Bier und Gin.. So wie Hardrock und Lounge-Musik. Oder Bud Spencer und James Bond. Sind halt zwei Paar Stiefel. Oder: Getränke. Schmecken verschieden, werden anders gemacht, unterschiedliche Zielgruppen, Überschneidungen? Quasi keine.

Hopfen-Gin

Brauer goes Ginmacher: Christian Hans Müller als fröhlicher Wanderer zwischen den Welten (Foto:PR)

„Eigentlich ist es gar nicht logisch“, sagt Christian Hans Müller, der Gründer und Chef von Hanscraft & Co. über seine Schnapsidee Bier und Gin eben doch irgendwie zusammenzubringen. Seine Biere haben sich längst etabliert. Bayerisch Nizza, Backbone Splitter oder Black Nizza gehören fest in jedes gute Craft Beer-Sortiment. Doch die Neugier blieb trotz allem Erfolg. „Gin wurde mit der Zeit ein so großes Thema und irgendwie hat uns das dann doch gereizt“, erzählt der Aschaffenburger über seine Gin-Werdung.

Gar nicht so weit weg, erging es David Hertl ganz genauso. Der Tausendsassa und Inhaber der kleinsten Brauerei Frankens, der Braumanufaktur Hertl, hat zwar ständig neue Ideen und schon einige wirklich wilde Sude gemacht – so wie etwa seine Gurken Gose, oder den Jägermeister-Bock. Aber das war halt immer noch Bier. Damit kennt sich der Brau- und Malzmeister, Bier- und sogar Weinsommelier bestens aus. Aber Gin war selbst für ihn Neuland. Und wo würde einer wie der David Hertl lieber hinziehen als genaus dort hin – ins Neuland.

Hopfen-Gin

Was raukam: Der Hopfengin aus der Braumanufaktur Hertl. (Foto PR)

Zufälligerweise stellten sich also zwei Franken vor einiger Zeit unabhängig voneinander dieselbe Frage:„Wie machen wir das überhaupt?“ Wie macht man Gin? Und wie einen Irgendwie-irgendwas-mit-Bier-Gin noch dazu?

Hopfen-Gin: Botanicals machen den Unterschied

Basis eines jeden Gins ist ein Brand aus Getreide oder Zuckersirup, auch Melasse genannt. In mehreren Destillationsschritten erhält der Gin dann seinen ganz eigenen Charakter. Grundzutat und gleichzeitig wichtigstes Botanical, also Gewürz in Form von Pflanzen und Kräutern, sind Wacholderbeeren. Sie geben dem Gin seinen unverwechselbaren Geschmack. Doch auch die weiteren eingesetzten Botanicals prägen den Geschmack entscheidend mit. Und hier sind die Macher nun ziemlich frei: Viele Brennereien verwenden Koriander, getrocknete Orangen- oder Zitronenschale und Muskatnuss.

Christian Hans Müller ergänzt den Wacholder um selbst geerntete Zitronenmyrte – und die Aromahopfensorte Hüll Melon. Dem verdankt sein Hanscraft-Gin auch seinen Namen: Hüll Melon Single Hop Dry Gin.

Die fruchtigen und abwechslungsreichen Geschmacksmuster des Aromahopfens böte, so der Brauer-goes-Ginmacher, perfekte Bedingungen, um dem Gin seinen Bierbrauer-Stempel aufzudrücken. Der Hüll Melon entfalte seine fruchtigen Erdbeer- und Melonen-Noten für einen wunderbar erfrischenden und alternativen Geschmackskick.

Der Single Hop Dry Gin von Hanscraft & co. (Foto: PR)

Wie kommt der Hopfen in den Gin?

Speaking of Geschmackskick: Will der Brauer seinem einen ordentlichen Touch Hopfenaroma verpassen, dann stopft er sein Bier. Er gibt also noch mal (und vielleicht sogar nochmal) Hopfen dazu. Hopfenstopfen – das geht auch mit Gin. David Hertl hat´s gemacht und erklärt wir: Für die erste Destillation verwendet er seinen eigenen 100 prozentigen Bierbrand, doch bevor dieser destilliert wird, kommen schon Wacholderbeeren, Zitronengras, Malz und Mandarina Bavaria Aromahopfen zum Einsatz. Die Botanicals werden in Bierbrand eingelegt – dadurch werden die Aromastoffe der Gewürze freigesetzt und prägen so den Geschmack des Destillats. Diesen Vorgang bezeichnet man als Mazeration. Das Ganze wird dreimal wiederholt bis die Botanicals ihr volles Aroma entfaltet haben. Nach etwa 5 Wochen ist der Gin dann fertig und gelangt in die von Mutter Vroni Hand-etikettierten Tonkrüge. Und der Lohn der langen und aufwendigen Arbeit? „Ein richtig schönes Kokos-Maracuja-Grapefruit Aroma bekommt der Gin – und brennt vor allem absolut nicht!“ sagt Hertl.

David Hertl

Alles geht nicht bis einer kommt und macht: David Hertl beim tüfteln. (Foto: David Hertl)

Hopfen-Gin: Regional ist King

Doch bevor David sich an die Destillation seines ersten Hopfen-Gins wagte, brauchte er einen kleinen Schubser von seinem Kumpel, dem Auch-Franken und Sternekoch Alexander Herrmann. In seinem noblen Restaurant mischte dieser doch tatsächlich das wohl ausgefallenste Bier des jungen Franken, die Gurken Gose, in einen Gin Tonic. Und wenn David schon quasi aus Versehen ein passendes Tonic Water herstellen konnte, dann war der eigene Gin eben der nächste logische Schritt. Für den zweiten seiner drei Destillationsschritte klopfte Hertl bei der örtlichen Brennerei Schwarz an – ein totaler Fachmann und froh diesem mutigen Kerl bei seiner neuesten Idee zu helfen.

Christian Hans Müller ging derweil einen ähnlichen Weg. Die Idee für seinen Hüll Melon – Single Hop Dry Gin kam aus seiner starken Vernetzung in der sehr handwerklich geprägten Region um Aschaffenburg. Weinbau, Landwirtschaft und die Nähe zur Natur – alles Dinge, die die Menschen miteinander verbinden. Sein Freund Severin Simon ist Winzer und ebenso wie Christian inspiriert von der Idee, mal etwas völlig anderes auszuprobieren. Drei Jahre tüftelten die beiden an ihren ersten Gin-Versuchen, bis esim August letzten Jahres dann endlich soweit war. Der Hanscraft Gin schlug sofort ein. „Das Feedback von den Leuten, Bier- und Gintrinkern, war einfach grandios!“ erinnert sich Christian Müller. „Die Bierdinner der Hanscraft Academy beenden wir immer mit unserem Gin.“ Eine „fantastische Sache“ sei das für die Leute.

Bitte mehr davon!

Und dass das alles gar nicht schnell genug gehen kann, erlebte David auch auf der Grünen Woche in Berlin. „Die Leute fanden unseren Gin Tonic extrem genial“, erinnert sich David an das Feedback vor Ort. „Sobald jemand den Gin probiert hatte, war er verkauft!“ Die Verkaufszahlen sind gut. „Steigend ohne Ende!“, sagt David. Vor allem, weil er jetzt endlich auch den Nicht-Biertrinkern etwas servieren kann. „Wenn der Bierliebhaber seinen Partner mitnimmt und der eben mehr auf Long Drinks steht, ist der froh, wenn er auch einen Gin Tonic trinken kann.“

Von Gin Craze zu Gin Tonic

Wie sich die Craftbeer-Bewegung aus einem Mangel an Alternativen zum Massenbier entwickeln musste, hat auch der Gin eine bewegte Geschichte hinter sich. Im Mittelalter entdeckten bereits die Niederländer die gesundheitsfördernde Wirkung der Wacholderbeeren (Juniper Berries) und stellten auch den ersten Genever Schnaps her. Die Engländer entwickelten daraus wiederum den Gin, ahnten damals aber nicht was für ein Teufelszeug ihre Landsleute von nun an zu ihrem Lieblingsgetränk machen sollten. Denn als Ende des 17. Jahrhunderts die Einfuhr von französischem Weinbrand verboten wurde, musste „Wahnsinn“ plötzlich wörtlich genommen werden. Weil die Löhne der Bevölkerung stiegen und Gin nur noch aus englischem Getreide hergestellt werden durfte, etablierte sich der Gin schnell als Nationalgetränk. Mit bösen Folgen. Als „Gin Craze“ bezeichnen Historiker heute eine Zeit, in der Sodom und Gomorra herrschte. Besonders in London wurde der günstige Rausch zum Alltag der ärmeren Bevölkerung. Der Geistliche Thomas Wilson ging sogar so weit, die Londoner als „einen Haufen unregierbarer Betrunkener“ zu bezeichnen. Erst mit mehreren Gesetzesänderungen konnte der übermäßige Konsum eingebremst werden und in London kehrte wieder der Normalzustand ein.

Hopfen-Gin

Jeder Topf seinen Deckel, jeder Tonic seinen Gin: David Hertl hat den Filler also gleich noch dazu gemacht. (Foto: PR)

„Am Ende vom Tag sind wir doch alle irgendwie Drogendealer“

Aber was ist schon normal. Es liegt wohl an der unbändigen Neugier von Craft-Brauern, dass Grenzen nur dafür da sind, um überwunden zu werden. Auch Getränkekategorien sind solche Grenzen. „Am Ende vom Tag sind wir alle Drogendealer“, so sieht Christian Hans Müller die Parallelen zwischen Bier und Gin. Hauptsache man genießt das, was man da trinkt oder herstellt. „Wir haben ein Jahr schlechten Gin trinken müssen, bis das Rezept gepasst hat. Und keiner ist Blind geworden“, sagt David Hertl und denkt dabei an unzählige Verkostungsrunden mit seiner Familie. David hat mittlerweile auch noch seinen eigenes Tonic Water mit Cascade Hopfen entwickelt, der eine schön fruchtige Ergänzung zum Gin ist. Den immer pur zu trinken, das wäre vielleicht ein bisschen zu viel des Guten. Es muss ja nicht gleich in einem neuen Gin Craze enden.