Sam Calagione

SAM CALAGIONE: „Das Reinheitsgebot ist Zensur!“

Daniel KöningIm Gespräch

Sam Calagione, Gründer der Dogfish Head Craft Brewery in Delaware und einer der Stars der US-Craft-Szene, war zu Gast in Berlin. Und auch wenn ihm als Brauer „made in Germany“ als ein Gütesiegel gilt, übte der Bier-Kreativo (macht Biere mit Chicorée, Lavendel, Orangen, Pfirsich,  Weintrauben etc.) Kritik am Reinheitsgebot. 

Jahreszeitlich bedingt (Wiesn!) schwämmt es dieser Tage batzenweise Biertouristen nach Deutschland. Aber dieser hier ist anders: Mit Sam Calagione, Gründer der Dogfish Head Craft Brewery in Milton, Delaware, der 16. größten Craft Beer Brauerei in den USA, und seit 21 Jahren Brauereichef, reist einer der Frontrunner der US-Craft-Szene durch Deutschland, der gar kein Oktoberfestbier mag. Also: Vermutlich nicht. Was soll man sonst annehmen von einem, der aktuell um dreißig verschiedene Biere im Portfolio hat und die wenigsten davon mit dem Reinheitsgebot einhergehen. Das allererste Bier, dass er als Homebrew-Neuling gebraut hat, war, so will es die Legende, ein mit Kirschen vergorenes Ale. Also bitte: Für Märzen ist der Mann nicht gekommen. Könnte man glauben.

Sam Calagione: Here for the beer

Tatsächlich hat sein Freund Greg Koch Calagione eingeladen. Stone, Dogfish Head und Victory Brewing brauten vergangenen Dienstag das „BUFF Saison“, einen Collaboration-Sud, den es schon ein paar Mal gegeben hat, allerdings noch nie in dieser Wuchte (die „Royal-Edition“ wird um 10 %Vol. haben) und nicht in der blitzblankneuen Brauerei in Berlin. Greg Koch hat eine ganze Liste hochkarätiger Collabs für sein erstes Braujahr in Berlin anberaumt. Das war ein Versprechen an Crowdfunder, hat aber auch nette Nebeneffekte. Erstens ist so immer was los in Mariendorf und zweitens können die Buddies aus den USA den deutschen Markt und die Berliner Brauerei genau anschauen.

Sam Calagione

Hallöchen! Sam Calagione bei Stone Brewing Berlin. (Foto: DKö)

Unser Autor Daniel Köning saß am Abend des Brautages mit Calagione zusammen, um ihn zu seiner Haltung gegenüber Hellem, 1516 und den deutschen Craft-Trinker zu befragt. Aber bevor er loslegen konnte, hatte Calagione eine Bitte:

Sam Calagione: Bitte schreib das unbedingt in deinem Text: Ich habe immensen Respekt vor deutscher Brautradition und ihrem Einfluss auf Brauer und ihr Handwerk weltweit. In Deutschland werden wundervolle Biere gebraut, seit Jahrhunderten schon. Und so ziemlich das gesamte Brauequipment, das wir bei Dogfish Head benutzen, ist „made in Germany“ – weil Deutschland in diesem Bereich Weltspitze ist

Aber wie stehst Du als besonders kreativer Brauer zum deutschen Reinheitsgebot?

Sam Calagione: Ok, nach allem was ich eben gesagt habe: Ich finde, das Reinheitsgebot ist eine moderne Form der Kunst-Zensur. Persönlich bin ich gewissermaßen froh, dass es das Reinheitsgebot gibt, weil es für uns als Firma einen Referenzpunkt darstellt: Unser Bier fängt da an, wo das Reinheitsgebot aufhört. Darüber hinaus finde ich es frappierend, dass in Deutschland herausragende, traditionsreiche Biere außerhalb des Reinheitsgebotes gebraut werden, die nicht als solche anerkannt werden. Gose zum Beispiel. Das ist deutsche Braukultur – mit Koriander und Salz. Dabei habe ich hier in Berlin viele Biertrinker getroffen, die eine gewisse Vielfalt in Sachen Bier sehr zu schätzen wissen. Und ich meine doch, wenn der Kunde Vielfalt will und der Brauer Kreativität, dann sollen beide das bekommen. Wir leben doch in demokratischen Ländern und jeder Mensch sollte das Recht haben, seine eigene Entscheidungen zu treffen.

Greg Koch sagte einmal, Deutschland sei in Sachen Craft Beer ein „Sleeping Giant“: Hier wartet ein großer Markt, geweckt zu werden und nach Craft Beer zu verlangen. Wie siehst du das?

Mein Freund Greg hat Recht: Deutschland steht ganz kurz davor, experimentelles Brauen und experimentelle Biere at its best zu erleben. Allerdings glaube nicht, dass der Gigant noch richtig tief schläft, er döst vielleicht noch ein bisschen. Denn wenn man genau hinschaut, fängt es mit der Vielfalt hier schon an, selbst innerhalb der typisch deutschen Bierstile: Helles, Oktoberfestbier, Märzen, Gose, Berliner Weisse – das allein sind schon mehr Bierstile als andere Länder aufwarten können, und die scheinen auch wieder mehr Beachtung zu bekommen.  Aber ich bleibe dabei: Das Reinheitsgebot ist ein Hemmschuh, der verhindert, dass die gesamte Vielfalt an Zutaten und Geschmäckern aufs Tableau kommt.

Nun steht die Craft Beer Bewegung hier noch am Anfang, ist maximal fünf, sechs Jahre alt. Ihr habt dieses Jahr Euren 21.Geburtstag gefeiert. Hast du einen Tipp für unsere Brauer, wie man so alt wird?

Der wichtigste: Größe ist kein Faktor für Erfolg. Wenn du eine Brauerei aufmachst, ist es egal, ob du der nächste Stone werden willst oder ein gemütlicher Kiez-Brewpub. Was alle erfolgreichen Craft Brauer teilen, ganz egal, ob sie ein 10 oder ein 1000 Hl Sudhaus haben ist der Fokus auf drei Punkte: Qualität, Konstanz und Unterscheidbarkeit. Wenn dein Bier das alles mitbringt, dann wird es auch getrunken, garantiert.

Sam Calagione Stone Brewing

Am Ende des Collab-Brew-Days: Sam Calagione (Dogfish Head), Greg Koch (Stone Brewing) und Bill Covaleski (Victory Brewing) (v.ö.n.r.) (Foto: DKö)