RAUS AUS DER NISCHE: Der Corner-Store-Indikator

Joshua M. BernsteinMeinung

Der Autor und Journalist Joshua M. Bernstein lebt in Brooklyn und schreibt über die Craft Beer Revolution. Für die New York Times, Time Out New York, Wired und andere – und er hat zwei Bücher darüber geschrieben: „Brewed Awakening“ und „The Complete Beer Course“. Für Hopfenhelden hat er sich der Frage gewidmet, woran man eigentlich merkt, dass Craft Beer sich durchsetzte, kein wunderliches Nischending mehr für Geeks ist, sondern eine richtig große Sache.

Vorab eine Beichte: Auch ich habe mit Mainstream-Bier angefangen. Weil ich es nicht besser wusste. Niemand hat mir gesagt, dass es etwas Besseres gibt. Erst als ich im College in Ohio war, gab es da diesen Craft Beer Pub, der hatte jeden Donnerstag „The Power Hour“. Das hieß: Bier für einen Dollar. Einen Dollar! Ein toller Preis, deswegen bin ich da immer hin. Erst nach und nach habe ich gemerkt: Mann, das schmeckt eigentlich richtig gut, dieses Stout, Pale Ale und so.

Die Craft Beer Revolution in den USA verlief in zwei Wellen. Die erste kam Anfang der Achtziger mit Brauereien wie Sierra Nevada und Samuel Adams. Die waren langsam aber beständig erfolgreich. Dann flachte die Begeisterung aber nach einer Weile ab und erlebte erst Ende der Neunziger ein Revival. Das Problem bei dieser zweiten Welle war: Diesmal wollten viele den Zug nicht verpassen und sprangen überhastet auf. Das heißt, das Craft Beer, das Ende der Neunziger ziemlich plötzlich und heftig überall auftauchte, war, wenn man ehrlich ist, qualitativ nicht besonders toll. Die Leute, die es verkauften hatten aber ziemlich gute Marketingpläne.

Das Internet hat die Craft Beer Revolution begünstigt

Und sie hatten Glück, denn zur gleichen Zeit begünstigten zwei andere Entwicklungen den Erfolg von Craft Beer. Zum einen gab es ein paar Firmen, die den US-Markt mit günstigem Homebrewequipment geradezu überschwemmten. Plus: das Internet kam. Plötzlich konnten sich Homebrewer besser vernetzen, sie konnten Informationen austauschen und voneinander lernen. Bis dato war die einzige Chance, etwas über das Brauen zu lernen, die paar Bücher zu lesen, die es gab, und irgendwelche Homebrewer-Treffen zu besuchen.

Aus diesen neubeflügelten Homebrewers wurden im Laufe einiger Jahre richtig gute Brauer. Der normale Weg: Man fängt an, Bier selbst zu machen, es schmeckt, Freunde sagen, verkauf es doch mal. Anfang der Nullerjahre kamen dann also diese neuen Brauer mit ihren hochqualitativen Bieren zu denen mit den tollen Marketingkonzepten, den schönen Etiketten und geilen Logos. Und zusammen veränderten sie die Art, wie die Leute hier heute über Bier denken.
Nicht alle natürlich, das muss man dazu sagen, Craft Beer macht acht Prozent des Biermarktes aus. Aber es hat ein breiteres Bewusstsein dafür geschaffen, wie vielfältig Bier schmecken kann. (Das Food-Movement der letzten Jahre, also dass wir anfangen über all das nachzudenken, was wir essen, gab dem Ganzen dann noch einen letzten Schubs.)

Wie stark sich Craft Beer etabliert hat, kann man beispielsweise an den Bodegas in New York City ablesen. Corner Stores, Kioske quasi. Die gibt es alle Nase lang. Das sind die Läden, die immer auf haben,  wo man Kaugummi, Zigaretten und auf dem Nachhauseweg schnell ein Sandwich rausholt. Bis vor ein paar Jahren war das einzige Bier, das es da gab, eine Dose Coors für 99 Cent. Heute kannst du in jede beliebige New Yorker Bodega gehen und findest eine überwältigende Auswahl amerikanischer Craft Beers, Stone, Sierra, alle. Die Typen, denen die Bodegas gehören, haben in der Regel keine Ahnung davon. Die fragen mich: Mann, warum kaufst du denn das Bier oder jenes? Ich so: Weil’s gut ist. Die wieder: OK. Es waren also nicht die Kioske selbst, die Craft Beer überall erhältlich gemacht haben, sondern die Großhändler.  Denen verdankt Craft Beer in den USA einen großen Teil seines Erfolgs.

Die Craft Beer Bubble? Kein großes Problem.

Mittlerweile ist Craft Beer so ein Riesending, dass manche schon von einer Blase sprechen. Das sehe ich, wenn ihr mich fragt, aber gar nicht. Natürlich: Es wird Verlierer geben. Es wird Brauer geben, die scheitern und Brauereien, die dicht machen. Aber ich meine, wenn ein Restaurant schließen muss, sagt doch auch keiner: „Oh Gott, die Gastrobranche wird kollabieren, niemand wird jemals mehr wieder essen gehen.“  Wenn die eine oder andere Craft Brewery in der Zukunft eine Bruchlandung hinlegt, dann heißt das nicht, dass alle anderen auch zugrunde gehen.

Wir haben in den USA immer schon gern lokale Biere getrunken. Das ist im Grunde kein neuer Trend, sondern wir kehren zu  etwas zurück, dass es früher schon gab. Und nicht nur wir: Alle Menschen, egal wo, sind gern gesellig und trinken dazu Bier.
Und das wird auch immer so bleiben.

Bier-Autor Joshua M. Berstein schreibt über die Craft Beer Revolution

Der Bier-Autor Joshua M. Bernstein in einer typischen Pose. „Anfang des neuen Jahrtausends war alles, was über Bier geschrieben wurde, Touristen-Journalismus: ‚Wow, schau, geiles Bier!‘ Ich aber wollte die Geschichte dahinter erzählen.“

 

Mehr von Joshua gibts in seinen Büchern