CRAFTZENTRUM BERLIN: Die Leih-Brauerei

Nina Anika Klotz

Meistens fängt es mit einem gelungenen Hobbysud an. Und schwupps steht der Craft Brauer to-be dann vor der Frage: Wenn ich es einfach einmal ausprobieren will, einfach dieses Bier mal „in groß“ brauen will, wo kann ich das tun? Hier kommt Ivan Semikin ins Spiel. Bei ihm können Brauer in der Twilight-Zone zwischen Hobby und Craft sudweise brauen. Unter anderem. Sein CraftZentrum Berlin steht allen offen, die ohne eigene Anlage unterwegs sind – oder aber auf der eigenen Anlage gebrautes Bier abfüllen wollen. 2017 geht es richtig los.

Craft Beer Bar Berlin

Platz nehmen im CraftZentrum Berlin und zuhören, was hier Neues geboten wird. (Foto: NAK)

Eigentlich ist der Gedanke so naheliegend wie der, noch ein Bier zu bestellen.

Da, wo die Craft Beer Bewegung in Deutschland gerade steht, mit den nicht mehr ganz kleinen Brauereien, die ihren Verkaufsradius vergrößern und ihr Bier dafür in Flaschen oder Dosen füllen wollen, mit den vielen Hobbybrauern, die Mut fassen und sehen wollen, wie ihr Bier ankommt, da bräuchte es doch eigentlich so etwas wie eine Co-Working-Brauerei. Eine moderne Brauerei mit ausreichend Lagerkapazitäten und einer leistungsstarken Abfüllanlage, die man einfach und unkompliziert mieten kann. Wo nicht die Sude des Hausherrn im Weg sind, Tanks belegen und ihre Zeit brauchen, wo nicht am Ende das fertige Bier auf einen Laster geschnallt und zum Abfüllen über die Autobahn gekarrt werden muss. Das müsste es eigentlich geben. Das sollte mal einer machen. Das wäre doch was.

Hätte.
Sollte.
Müsste.
Könnte.

Und dann kam der Ivan und macht genau das: Ivan Semikin baut in Berlin ein „Brau- und Abfüllzentrum für lokale und internationale Brauereien“, wie er sagt. Er stellt da also einen schnellen Füller und eine technisch auf dem neusten Stand befindliche Brauerei hin, die für Craft Brauer ohne eigene Kessel offen ist und wo er, wenn überhaupt, nur ganz, ganz wenig eigenes Bier braut. (Oder vielleicht auch etwas anderes, Ivan spielt mit dem Gedanken, hier Kvass oder Kombucha zu machen. Aber nur einen Sud nur im Monat.) Das Ganze nennt er das CraftZentrum Berlin und es ist schrecklich hübsch gelegen, in den „Havelwerken“, der einstigen „Preußischen Königlichen Pulverfabrik“, wo früher Patronen und Munition hergestellt wurden, mit Blick auf den schöneren Teil Spandaus und eigenem, kleinen Havelstrand.

CraftZentrum Berlin

Das ist Teil des Geländes, auf dem ab 2017 Gypsies ihr BIer brauen können. (Foto: Maria Erashova)

Tatsächlich, sagt Ivan Semikin, gibt es ein solches Co-Brewing-und-Filling-Konstrukt ja schon. „Man muss das Rad nicht neu erfinden. Das erfolgreiche Beispiel Gundelfingen war ja da.“ In Gundelfingen, zwischen Augsburg und Ulm, betreibt Camba Bavaria oder vielmehr die Mutterfirma Braukon, die Brauanlagen herstellt, eine 20-Hl-Brauerei, die vor allem von Gypsies sudweise gebucht wird. Ivan arbeitet seit Jahren für BrauKon. Er ist kurz nach seinem Studium in Weihenstephan, sieben wundervolle Jahre, wie er sagt, nach Truchtlaching an den Chiemsee gezogen und übernahm den Vertrieb der BrauKon-Anlagen in Osteuropa und Russland.

Künstler, Kletterer und Kuckucksbrauer

Hier in Berlin führt Ivan durch noch leere, große Hallen einer schönen Backsteinbauanlage. Die Havelwerke sind ein neuer Industriepark in einem eigentlich zentralen aber irgendwie doch nicht wirklich auf dem Radar befindlichen Teil Berlins: in Haselhorst. Hier haben sich Künstler, Architekten, Autosammler und -schrauber, eine Kletterhalle und ein Hausbootbauer angesiedelt. Und hier wird demnächst die Brauanlage des CraftZentrum Berlin einziehen. Alles Schritt für Schritt, wie er sagt. Der Abfüller macht den Anfang. Und irgendwann will er dann ein Holzfasslager im ehemaligen Bunker auf dem Gelände einrichten. Das wäre dann aber, gemach, gemach, einer der sehr viel späteren Schritte. Ivan Semikin ist keiner, der die Dinge überstürzt. Er ist ein leiser aber auch sehr zielstrebiger Mann, der gut plant.

CraftZentrum Berlin

Platz für große Ideen und Craftmanship: Ivand Halle in den Havelwernken, die bald ein Sudhaus sein wird. (Foto: Maria Erashova)

„Ich mache mir gern Fünfjahrespläne für mein Leben“, erzählt er. Und der letzte dieser Pläne sah vor, dass, auch wenn er das Landleben am Chiemsee sehr mochte, die reiseintensive Vertriebstätigkeit bei der Braukon ein Ende haben sollte, auch wenn er nach wie vor die Handelsvertretung für BrauKon in Russland leitet. Ivan wollte mit seiner Frau Maria sesshaft werden. Am liebsten in Berlin.

Das CraftZentrum Berlin ist mehr als nur Leih-Brauerei

Weil das Projekt „eine Brauerei bauen“ angefangen mit der Suche nach einem geeigneten Standpunkt ziemlich zäh verlaufen kann, legte Ivan mit seinem deutschen Partner Alexander direkt auch einen Plan zurecht, welche alternativen Geschäftsmodelle sich bis zum Einschalten der Brauanlage des CraftZentrum Berlin anböten. Idee Eins: Import und Vertrieb seltener, hochwertiger Craft Biere aus Polen und Russland. Dazu richtete er im Interior-Design-Shop LLLOOCH STORE, gegründet von einem Freund, der hier ausschließlich Möbel und Dekor made in Russia verkauft, einen Tap-Room ein (Idee Zwei). Immer donnerstags von 16 bis 20 Uhr schenkt Ivans Mitarbeiter Thomas hier osteuropäische Spezialitäten wie zum Beispiel Bier von Pracownia Piwa (Polen), Litra Brewing (Moldawien) und Victory Art (Russland) aus.

CraftZentrum Berlin

Design made in Russia: Der Möbel-Shop LLLOCH-STORE, in dem Craft Beer ausgeschenkt wird. (Foto: Maria Erashova)

Hier kann man sich bei ein bis fünf Bier von Ivan, der in Russland geboren ist und auch immer noch einen „wunderschönen, roten Pass“ hat, wie er sagt, der aber in Bayern Abitur gemacht und in Magdeburg Wirtschaft studiert hat, ehe er Brauwesen in Freising drauf legte, einmal die Geschichte der Craft Beer Bewegung in Russland erzählen lassen. Das ist spannend, wenn man sich überlegt, wie sich das Thema in Deutschland entwickelt und ein bisschen vergleicht, was Craft Beer rund um den Globus bedeutet. Deshalb also, kleiner Exkurs:

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Die post-sowjetische Craft Beer Bewegung in aller Kürze
Die Russen trinken gerne Bier. Nicht so viel wie die Deutschen, aber eben schon. Das war eigentlich immer schon so. 2003 ändern sich die Dinge, nicht was das Bier angeht, sondern die Gesamtlage Russlands. Es wurde besser. Alles, irgendwie. Und die aufstrebende Mittelklasse wollte etwas Besonderes. Auch besonderes Bier. Das ist die Zeit, in der in Russland die Idee vom „ЖИВОЕ ПИВО“, vom „lebendigen Bier“ aufkommt: Braugasthäuser und Hausbrauereien werden ein großer Renner, die Leute gehen aus, dorthin, um frisches Bier zu trinken. Nicht pasteurisiert, nicht filtriert, nicht besonders haltbar und deshalb am besten direkt vor Ort zu trinken. Nur ein paar Biere schaffen es in Kiosks und Supermärkte, wo der Kunde sie aus dem Keg in die Pet-Flaschen zapft. Im Grunde kann man rückblickend eine gewisse Parallele der lebendigen Biere Russlands und der Craft Biere in den USA sehen (Stichwort Brewpubs und Growler) – auch wenn es die tatsächlich nicht gibt, die lebendigen Biere entstanden unabhängig der Craft Beer Bewegung. Die kam frühestens 2005/2006 in Russland an, als die erste nicht-sowjetische Generation erwachsen wurde, als diejenigen anfingen zu studieren und Auslandssemester zu machen, die Emailadressen hatten und Facebook-Accounts. Und ab da ging alles ganz schnell, zumindest in bestimmten Teilen des Landes. St. Petersburg allem voran. Dass hier das Zentrum der russischen Craft Beer Bewegung entstand, liegt zum einen an der Offenheit dieser Stadt und ihrer Bewohner. Jeder war schon mal in Helsinki oder Schweden, sind ja nur drei Stunden per Schiff und ohne Visum machbar. Zum anderen ist Sankt Petersburg Sitz von Baltika, der größten Brauerei Russlands. Nirgendwo sonst ist die Dichte an ausgebildeten Fachkräften und Brauern höher als hier. Und nachdem der Absatz der Brauerei zu eben jener Zeit schwächelte, waren vielen von denen auf der Suche nach neuen Ideen, Möglichkeit und Bier-Jobs. In den letzten fünf Jahren hat sich die Zahl der Brauereien in Russland verzehnfacht. Und allein in Moskau hat der geneigte Crafttrinker jeden Abend die Wahl zwischen rund 100 Craft Beer Bars.
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„Was ich an der Craft Beer Bewegung besonders mag, ist das Globale“, sagt Ivan, als er an einem massiven Designer-Tisch im llloch-Store Platz nimmt. (Man soll bitteschön hier Platz nehmen und auch keine Angst haben, ein Bierglas darauf ab zu stellen, erklärt er, das ist ein bisschen die Idee dahinter, einen Bierausschank im Möbelladen zu machen: Der Kunde soll die Möbel „in echt“ erleben, darauf sitzen und vielleicht auch mal kleckern. Wenn ein Designertisch das nicht abkann, ist er sein vieles Geld nicht wert). „Ich meine, dass ich als Russe hier jetzt Bier aus Moldawien an einen Engländer verkaufe, der in Ost-Berlin einen Laden aufmacht, wo er italienische Pizza verkauft – das ist doch großartig.“ Ja, irgendwie schon.

Craft Beer Bar

На здоровье! sagt der Bär im CraftZentrum Berlin. (Foto: NAK)