„Rückwärtsbewegung in Bezug auf die Bierstilvielfalt“

Katharina RolshausenBier, Im Gespräch, Interviews

Hopfenhelden: Man sagt, dass deutsche Männer mehr als sechsmal so viel Bier wie die Frauen trinken. Was sind die Gründe dafür?

Birgit Rieber: Ich weiß es nicht und kann nur mutmaßen. Vielleicht, weil der Bierkonsum historisch mit Männerrunden verbunden ist? Ich denke an Stammtische, Festzelte, Fußballplätze … 

Als ich jung war, habe ich kein Bier getrunken, weil es nicht chic war, Jungs tranken Bier. In der Gastronomie bekomme ich auch heut selten jene Bierstile, die ich mir wünsche. Weil ich genussvoll auswähle, entscheide ich mich oft für Wein zum Essen. Ich mag nun mal nicht gerne nur Helles trinken. Vielleicht denken Männer da „einfacher“, verstehen unter Genuss den erfrischenden, befriedigenden Schluck Bier? Vielleicht ist für Männer Bier das bessere Wasser? Keine Ahnung.

Hopfenhelden: Welche Bierstile empfiehlst du Frauen, die sagen, dass sie kein Bier mögen?

Birgit Rieber: Sauerbiere wie die Geuze oder ein Flanders Red; Witbiere, Italien Grape Ales. Aber auch kaltgehopfte, leichte Lagerbiere empfehle ich gerne allen Menschen, die dem Bier nicht zugeneigt sind. 

Hopfenhelden: Diese Bierstile sind oft auch im Sortiment von Craft-Beer-Brauereien zu finden. Haben diese Frauen bereits als potenzielle Zielgruppe entdeckt?

Birgit Rieber: Viele der sogenannten Craftbrauereien haben Frauen im Blick. Oder hatten. Mit dem sukzessiven Verschwinden des Ausdrucks „Craft“ und ihrer Vertreter, erlebe ich in jüngster Zeit, dass gerade die oben angesprochenen Bierstile wieder aus den Sortimenten verschwinden. Mit dem Trend zum Hellbier wird man Menschen, die bisher kein Bier mochten, nicht ansprechen können. 

Hopfenhelden: Spielt bei dabei auch der Trend zu alkoholfreien- und -armen Bieren eine Rolle?

Birgit Rieber: Prinzipiell ist dieser Trend positiv zu sehen. Auch hier gilt: Die Mainstream-Bierstile Helles, Radler, Pils in alkoholfreier oder -armer Ausprägung erreichen Bier ablehnende Frauen nicht. Session Pale Ales, Session IPAs oder kaltgehopfte Session Lagerbiere, alkoholfreie IPAs sind da schon geeigneter. 

Hopfenhelden: Das Bierbrauen galt ebenso lange als Männerdomäne – nachdem es im Mittelalter noch eine reine Frauenangelegenheit war. Tut sich hier auch etwas?

Birgit Rieber: Wieder ein Ja und ein Nein. Es hat sich einiges getan. Brauerinnen, Braumeisterinnen, Biersommelièren gibt es viel mehr als vor 15 Jahren. Allerdings befürchte ich, dass die Rückwärtsbewegung, die ich in Bezug auf die Bierstilvielfalt sehe, die Bierbranche wieder männlicher machen wird. 

Hopfenhelden: Du hast das Brauhandwerk selbst erlernt. Hier ist neben Wissen, Erfahrung, Hygiene und Rohstoffqualität auch Gefühl gefragt. Dann wären wir Frauen ja klar im Vorteil …

Birgit Rieber: (lachend): Es gibt viele gefühlvolle Männer in der Bierwelt.

Hopfenhelden: Wenn wir schon beim Thema sind: Mit welchem „bierigen Aperitif“ könnte ein romantisches Candle-Light-Dinner starten?

Birgit Rieber: Ob romantisch oder nicht, ob Candle-Light-Dinner oder einfach ein schönes Abendessen: gerne ein kaltgehopftes Session Pils vorweg. Mir würde daneben auch das eine oder andere konkret erhältliche Produkt einfallen: obergärig, hellfruchtig, feinperlig, stark, mit Sekthefe in der schönen 0,75 Liter-Flasche zweitvergoren. Ich wünsche es mir dann ins langstielige Degustationsglas eingeschenkt. Sprich, das bierige Pendant zum Champagner. 

Hopfenhelden: Mit dem Thema „Bier als Menübegleiter“ beschäftigen sich auch Biersommelièren. Davon gibt es zwar von Jahr zu Jahr mehr, aber nach wie vor absolvieren mehr Männer diese Ausbildung. Wie kann sich eine Bierexpertin erfolgreich in der Branche behaupten?

Birgit Rieber: Ich muss nachdenken. Mehr als ihre männlichen Mitstreiter muss sich Bierfrau auskennen. In allen Bereichen: bei den Bierstilen, in der Brauereilandschaft, in der Geschichte, in der Herstellung… Frauen im Bier genießen nicht immer spontane Anerkennung ihrer Bierkompetenz. Wir müssen uns oft erst beweisen, mit Fachwissen. Also immer fein weiterbilden, neugierig sein und mit dem Wissen nicht hinter dem Berg halten.