G’BRÄU: Die Pia, der Gundermann und der Hollerbusch

Thomas Bassen

Pia Morgenroth sammelt auf einer Wildkräuterwiese in Brandenburg Brauzutaten und überrascht mit modernen und zugleich uralten Bieren, die ganz und gar ohne Hopfen auskommen, den Grutbieren von G’Bräu

Trotz vermehrter Vorstöße in der letzten Zeit ist das Thema Gruitbier immer noch ein Ultra-Nischenthema innerhalb der deutschen Craft-Beer-Szene. Nische in der Nische, also quasi. Zu sehr ist selbst bei den leidenschaftlichsten Bierfans und -kennern in Vergessenheit geraten, dass es sich nicht nur mit Hopfen ganz wunderbar brauen lässt. Pia Morgenroth möchte das ändern. Ihre „G’Bräu“-Bieren braut sie ganz und gar und komplett ausschließlich mit Wildkräutern.

G'Bräu

Geht auch: Wildkräuter im Sudkessel. (Foto: G’Bräu)

Ein Bier ganz ohne Hopfen, geht das überhaupt? „Klar geht das“, lacht Pia Morgenroth und deutet auf eine eher unscheinbare dunkelgrüne Pflanze, die sich am Rande ihrer Wildkräuterwiese in Brandenburg nah am Boden wie Efeu ausbreitet. „Das ist Gundermann, eine meiner Hauptzutaten und absoluten Lieblingspflanzen zum Brauen“, erklärt Pia. „Er ist außerdem super für unser Immunsystem.“ Tatsächlich waren sowohl die heilende Wirkung des Gundermanns als auch seine Eignung zum Brauen bereits lange vor der Verwendung von Hopfen bekannt. Er war als Brauzutat so allgegenwärtig, dass er im Englischen auch heute noch Alehoof oder Tunhoof genannt wird.

G’Bräu: Forschung mit der VLB

Mit dem Einzug des Hopfens ins Bier und im deutschen Raum besonders durch das Reinheitsgebot von 1516, geriet das Wissen um Gundermann und andere Wildkräuter als Heil- und Braupflanzen jedoch weitestgehend in Vergessenheit. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Das will Pia nun übernehmen. Deshalb erforscht die selbstgelernte Brauerin ihre Kräuter in Zusammenarbeit mit der Forschungsbrauerei der TU Berlin in Form von gemeinsam gebrauten historischen Suden. „Die Studenten lernen viel über Hopfen, aber das Wissen über andere zum Bierbrauen geeignete Wildkräuter und Pflanzen ist gar nicht existent. So lernen sie etwas über Wildkräuter und ich noch mehr über das Brauen. Bier und Wildkräuter passen ganz hervorragend zusammen.“

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Zuerst kannte sich Pia Morgenroth mit Kräutern aus. Jetzt auch mit Bier. (Foto: G’Bräu)

Mit dem Interesse an Wildkräutern und ihrer Verwendung in Lebensmitteln fing für die studierte Oecotrophologin alles an. Über mehrere Jahre hinweg sammelte sie Wissen und Wildkräuter und studierte die Pflanzen genau. Aus den Kräutern stellte sie Salben, Tinkturen und Tees her. Und nun seit etwa einem Jahr eben auch Bier.

An Bier schätzt Pia besonders, „dass aus wenigen Zutaten so etwas Tolles, Hochwertiges und Vielfältiges kreiert werden kann. Das mag ich. Aus einfachen Dingen etwas richtig Gutes machen. Außerdem verbindet es uns – genau wie die Wildkräuter – mit unserer Menschheitsgeschichte. Beide sind etwas ganz Ursprüngliches“, erzählt Pia und fährt mit der Hand über die leuchtend weißen Blüten eines Beifuß. Noch so eine uralte Gruitbier-Pflanze, die hier auf Pias Wildkräuterwiese wächst.  Mit Beifuß wurde vermutlich schon zu Zeiten des bekanntesten Latschenmannes des Christentums Bier gebraut. Bier und Wildkräuter, das gehörte lange zusammen.

Back to the roots of the roots

Nun halt moderne Kräuterbiere als doppelte Rückbesinnung auf die Wurzeln. Back to the roots of the roots. „Genau deshalb war es für mich überhaupt keine Frage, dass ich früher oder später anfange, Kräuterbiere zu brauen“, sagt die 46-Jährige. „Die von mir eingesetzten Wildkräuter haben eine lange Tradition im Brauwesen, sind gesundheitsfördernd und anregend. Bier ist ein alltägliches Genussprodukt mit uralter Tradition. Das passt perfekt zusammen.“

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Gruitbier in modern: Das aktuelle Sortiment von G#Bräu. (Foto: Thomas Bassen)

Bei allem Traditionsbewusstsein geht es Pia jedoch nicht darum, schwer zugängliche Kräuterbiere für einige wenige Gruitbierfans zu machen. Ihre Biere sollen Interessierte aus verschiedenen Bereichen ansprechen und sind geschmacklich nicht zu ausgefallen. Auch das Design der Etiketten ist modern gestaltet.

„Healthy living“, Superfoods, Benefits

Dieses Konzept geht auf. Die „G’Bräu“-Biere sind zum einen in der Craft-Beer-Szene gefragt. Zum anderen entsprechen sie aber auch dem andauernden Megatrend im Food-Bereich – dem „healthy living“. Stuchwort Superfood, Lebensmittel mit „benefits“ und so weiter. Alles auch ein hervorragender Anknüfungspunkt für Getränke mit Heilpflanzen. Pias Gruitbiere sind somit in den Bottle Shops genauso zu finden wie in Feinkostrestaurants und bald auch in Biosupermärkten.

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Gruitbiere haben dank der verwendeten Heilkräuter gewisse benefits. (Foto: G’Bräu)

Drei dauerhaft erhältliche Biere sowie einige saisonale Sondersude sind durch diese Verknüpfung von Traditionen und Moderne bereits entstanden. Bei allen ihren Bieren wird jeweils eine Pflanze als Leitzutat geschmacklich besonders betont. Im Fall ihrer drei Hauptbiere sind dies Brennnessel (Wilde Nessel), Schafgabe (Schwarzes Schaf) und Holunderblüte (Stolze Blüte). Eingebraut werden alle drei Biere mit einer untergärigen Hefe sowie einer sehr hellen Malzgabe. „Aber da kommen noch mehr“, verrät Pia. „Wir haben schon im kleinen Stil mit obergärigen Hefen und verschiedensten Wildkräutern experimentiert und sind mit den Ergebnissen teilweise sehr zufrieden.“

Ihre Biere stellt Pia in Zusammenarbeit mit dem ausgebildeten Brauer Ulf Friedrich beim CraftZentrum Berlin sowie in Kooperation mit der Petrusbräu-Brauerei in Trier her. Teilweise braut sie jedoch auch auf einer Ein-Hektoliter-Anlage in Brandenburg. „Wobei das gerade so für den Ausschank vor Ort und einige Sondersude wie zum Beispiel unseren Winterbock mit Gundermann, Schafsgabe und Beifuß reicht“, erklärt Pia.

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Hier wird geerntet: Die Wildkräuterwiese von Pia Morgenroth in Brandenburg. (Foto: G’Bräu)

Da Pia gänzlich auf die Zugabe von Hopfen verzichtet, darf sie ihre Biere nicht als solche vermarkten, sondern muss diese laut Lebensmittelbehörde als „alkoholische Getränke“ deklarieren. „Aber Biersteuer geht trotzdem“, lacht Pia. Weil ihr die Ironie so gut gefiel, nannte sie ihre Brauerei kurzerhand „G’Bräu“. Letztendlich ist es ihr aber nicht so wichtig, unter welcher Bezeichnung sie ihre Biere vertreiben darf. Pia hat größere Ambitionen. Ihr geht es vor allem darum, das gesellschaftliche Wissen über Wildkräuter zu fördern. Das treibt sie an. Das, und aus einfachen Zutaten etwas richtig Gutes zu machen. Gruitbiere eben.

>> Mehr zum Thema „Kräuter- und Gewürzbier“ von Autor und Diplom Braumeister Günther Thömmes HIER!