Gefährdet die EU wirklich das deutsche Mehrwegsystem?

Martin RolshausenIm Gespräch, Uncategorized

Der deutsche Brauerbund sieht zwar gerade nicht ganz Deutschland, aber doch einen Teil der deutschen Trinkkultur in Gefahr: das Mehrwegsystem. Bedroht wird es von der Europäische Union – sagt der Brauerbund.

Mit einer für alle 27 Mitgliedstaaten verbindlichen Verordnung wolle die EU die wachsende Flut des Verpackungsmülls in Europa eindämmen und die Kreislaufwirtschaft stärken, teilt der Brauerbund in einer gemeinsamen Erklärung zusammen mit dem Verband Private Brauereien Deutschland mit. Das sei „ein ehrgeiziges Vorhaben, das die richtigen Ziele setzt: Mehrweg stärken, den Ressourcenverbrauch senken und die Recyclingfähigkeit von Verpackungen verbindlich vorschreiben“. An einer entscheidenden Stelle jedoch fördere der Entwurf der „Packaging and Packaging Waste Regulation“ (PPWR) nicht den Umweltschutz, „sondern hebelt ihn auf absurde Weise aus“, schlägt der Brauerbund Alarm und erklärt: „Obwohl die Stärkung von Mehrwegsystemen gerade auch im Bereich der Getränkewirtschaft das erklärte Ziel der geplanten EU-Verordnung ist, werden bereits etablierte, erfolgreiche und seit Jahrzehnten funktionierende Mehrwegsysteme durch die vorgesehenen Regelungen in ihrer Existenz gefährdet.“

Neue Deklarationspflichten

Im Rahmen „neuer Deklarationspflichten“ werde eine „dauerhaft angebrachte Kennzeichnung“ von Mehrwegverpackungen gefordert. „Im deutschen Mehrwegsystem, wo seit jeher mit abwaschbaren Etiketten gearbeitet wird, würde dies den Weiterbetrieb der erfolgreichen Systeme unterbinden und auf eine vollständige Vernichtung der existierenden Mehrwegflaschen- und Kastenpools hinauslaufen, weil diese dann künftig nicht mehr genutzt werden dürften, obwohl sie noch viele Jahre im Einsatz sein könnten“, teilt der Brauerbund mit.


Den sogenannten Leerraumanteil zu begrenzen, also die Luft in Transportverpackungen, „mag mit Blick auf den Versandhandel sinnvoll sein – übertragen auf Wasser- oder Bierkästen würde die von Brüssel geplante Regulierung jedoch den Transport und die Lagerung von Mehrwegflaschen künftig unmöglich machen“, sagen die Brauer.

„Entspricht nicht den Fakten“


Also ein Desaster made by EU? Müssen Mehrweg-Bierflaschen in Deutschland eingeschmolzen werden, wenn die Reformvorschläge der Europäischen Kommission zu neuen Verpackungsregeln umgesetzt werden? Keineswegs, teilt die EU auf Anfrage mit. Denn diese Darstellung „entspricht nicht den Fakten“.


Der Kommissions-Vorschlag sehe vor, dass jede Verpackung gekennzeichnet sein muss: Etikett und QR-Code mit der Information, woraus die Verpackung besteht und in welchen Abfallbehälter sie gehört. Diese Information müsse in der Tat dauerhaft angebracht sein. Ablösbare Papier-Etiketten, die im deutschen Flaschenpfandsystem üblich sind, können diese Bedingung allerdings durchaus erfüllen. Voraussetzung sei aber, dass sie an der Flasche sind, solange die im Umlauf ist. „Kommt sie in die Rotation zurück und löst sich das Etikett beim Waschvorgang ab, muss für die weitere Wiederverwendung ein neues angebracht werden“, erklärt die EU-Kommission. Ein ganz normaler Vorgang also. Es sei „nicht notwendig, die Information in die Flasche einzugravieren“. „Diese Form der Kennzeichnung ist im Kommissionsvorschlag nur als Option genannt“, teilt die EU mit.


Es gehe darum, „unnötigen Müll zu vermeiden, Recycling zu fördern, den Anteil an recycelten Kunststoffen in Verpackungen zu erhöhen, Füllmaterialien einzudämmen und Leerraum begrenzen“, heißt es in der EU-Mitteilung.


Mit Blick auf Transportverpackungen bei Online-Käufen, bei denen viele zusätzliche Füllmaterialien anfallen, schlägt die Europäische Kommission eine Obergrenze von 40 Prozent Leerraum vor. „Das hat Befürchtungen bei den Brauern geweckt, dass damit auch Pfandkästen nicht mehr zulässig sind. Aus Sicht der Kommission spricht nichts dagegen, Transportverpackungen in bestehenden Mehrwegsystemen, wie zum Beispiel Bierkästen, von dieser Regel auszunehmen. Das Pfandsystem in Deutschland ist ein Erfolg. Die Kommission ermuntert auch andere Mitgliedstaaten und Wirtschaftszweige, solche Systeme einzuführen“, sagt die EU.