Brewdog streicht in Deutschland die Segel und ist auch in der britischen Heimat angeschlagen. Die Propheten des Untergangs haben es immer gewusst: Das, was man Craft Beer nennt, wird in Deutschland nicht gebraucht. Wer überhaupt noch Bier trinkt, der ist genügsam, denn die Biervielfalt in ganz Deutschland wird von der Helle-Welle weggespült oder im Pils-See ertränkt. Ganz Deutschland? Nein, es gibt noch Orte des Widerstands. Einer davon ist das Hopfenreich in Berlin. Daniel Bart und sein Team glauben noch daran, dass Bier ein Genussmittel mit vielen Facetten ist. Und sie investieren in diese Überzeugung. Gerade hat das Hopfenreich seine neue Zapfanlage mit 12 Hähnen in Betrieb genommen.

Aber erstmal ein Blick zurück: Was haben wir die Welt verändert! Was für bewegende Dinge gingen schon aus von den Kneipentischen, an denen wir uns stundenlang gegenseitig vergewissert haben, dass wir das Zeug zu etwas ganz Großem haben! Was hatten wir für revolutionäre Ideen zwischen all den Bieren! Ich kann mich nicht mehr so genau erinnern, warum die Revolution dann doch irgendwie nie stattgefunden hat – am Bier kann es nicht gelegen haben. Vielleicht daran, dass wir uns in unseren Lieblingskneipen in der deutschen Provinz selbst zu wichtig genommen haben – und das mit der Revolution dann doch irgendwie zu anstrengend war. Vielleicht hat uns auch nur einer wie Daniel Bart gefehlt.
Von Budapest nach Berlin
Der hat die Kneipe selbst zu Revolution erklärt. Das war 2014 – in Berlin, natürlich. Daniel Bart ist ein ungarischer Journalist, der als der vermutlich erste Bierblogger seines Heimatlandes Geschichte schrieb, und Mitbegründer des Craft Beer Festivals „Fözdefeszt“ in Budapest ist. Mit seinem Landsmann Attila Kiss und Mark Hinz hat er dann auch in Berlin einiges auf die Beine gestellt – zu der Zeit, als sich hierzulande das entwickelte, was man mal Craft-Beer-Bewegung nannte.

„Nachdem unser Craft-Bier-Festival, das BrauFest, 2013 den erfolgreichen Startschuss für das Berliner Craft-Bier-Revival gegeben hat, wollten wir diese großartige Erfahrung auch in den Alltag bringen“, heißt es in der Chronik der Kreuzberger Kneipe, die sich der „lokalen Bierrevolution“ verschrieben hatte: Die Pioniere aus Ungarn eröffneten das Hopfenreich, eine, wie es hieß, „Multitap-Bar, die sich auf die Biere unserer Berliner Braufreunde konzentriert“. Das Hopfenreich war, das kann man so sagen, Berlins erste Craft-Beer-Bar. Und seit September ist auch Daniel Bart wieder präsent. Er hat sich eine Weile schwerpunktmäßig um seine Kneipe in Budapest gekümmert – aber Ungarn sei gerade schwierig für Menschen, die frei denken und kreativ handeln…
Biere von Berliner Brauern
Ihre Kinder hat diese Revolution nicht gefressen, aber es wird auch nicht so getrunken, wie die Revolutionäre es sich erhofft und erwartet haben. Im Hopfenreich, wo ein ausgestopfter Igel an der Theke als Maskottchen wacht, wird zwar aus zwölf Hähnen gezapft, aber längst nicht mehr nur die Bieren von lokalen Brauern. Ja, im Hopfenreich gibt es guten Stoff der Local Heroes – etwas von Heidenpeters, Gorilla, BRLO, Kreuzbräu, Fürst Wiacek, Straßenbräu und 99 Brewing. Dazu Pale Ale mit und ohne Alkohol von Two Chefs aus den Niederlanden. Aber eben auch das tschechische Pilsner Urquell, irisches Guinness sowie Helles und alkoholfreies Weißbier aus dem bayerischen Traunstein und das Berliner Schultheiss.

Die neue Zapfanlage sei „ein Träumchen“, schwärmt Thekerin Caro. Simon nickt. Er ist auch neu. Der irische Brauer, der über die USA und Zagreb nach Berlin kam, ist Daniels neuer Bier-Bar-Manager. Das klingt nach Aufbruch, nicht nach „Das wird nix mehr mit dem Bier in Deutschland“.
Die Bier-Revolution macht nur Pause
Die Craft-Beer-Revolution ist zu Ende, bevor sie richtig begonnen hat, sagen die einen. Die anderen – zu denen auch der Autor dieser Geschichte gehört – sagen: Sie macht nur eine Pause. Aus seiner Craft-Bier-Bar sei eine Bier-Bar geworden, sagt Daniel Bart. Und das ist ja auch nichts Schlechtes – im Gegenteil. Eins ist das Hopfenreich immer geblieben: ein wundervoller Ort der Bierkultur, der die Freundinnen und Freunde des lokalen Bieres und die der international verlässlichen Marken nicht gegeneinander ausspielt, sondern zusammenbringt. Eine Kneipe, in der man herrlich übers Verändern der Welt, über die fast Wirklichkeit gewordenen Heldentaten, den Sinn des Lebens und überhaupt reden kann.
Zum Thema Craft-Beer-Bewegung in Berlin, könnte dich auch diese Geschichte interessieren.
Das Foto oben zeigt Caro und Simon an der neuen Zapfanlage – Foto: Martin Rolshausen
(3. März 2026)
