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LABIERATORIUM goes KOLLABIERATORIUM: Vom Fallen und Aufstehen

Clarissa Omiecienski

Der Erfolg kommt meist mit viel Kling-Peng und Brimborium. Das Scheitern freilich geschieht ganz leise. Dabei ist es wichtig, dass auch darüber gesprochen wird: Eine Brauerei zu starten ist kein Spaziergang mit Wegbier. Das kann ganz einfach auch nicht klappen. Olaf Wirths, Gründer des Labieratorium in Cottbus, musste diese kreuzschmerzhafte Erfahrung selber machen. Und er spricht mit uns darüber. Offen und ehrlich. Warum sein Traum im ersten Anlauf platzte – und wie es nun nach dem Tal doch wieder aufwärts geht. Mit einer neuen Vision und mehr gutem Bier vom Kollabieratorium

Es gibt so viele schöne wie schlaue Sprücher übers Scheitern.

Everything will be okay in the end. If it’s not okay, it’s not the end. (John Lennon, vielleicht.)
Failure is simply the opportunity to begin again – this time more intelligently. (Henry Ford, munkelt man.)
Try again. Fail again. Fail better. (Samuel Beckett, steht im Internet.)
Oder halt einfach: Mund abwischen, weitermachen.

Und so hat der Olaf Wirths es dann eben auch gemacht.

Vor etwa einem halben Jahr mussten seine Frau Anja Braun und er ihr gemeinsames Unternehmen, das Labieratorium in Cottbus schließen. Das war ein wunderschöner, großer Plan gewesen, mit einer eigenen Brauerei, einer Bar, Bierverkauf, Events – allem. Diesen Traum zu beenden, war ein schmerzvoller und schwieriger Schritt. Und dann kam der Silberstreif. Und eine neue Chance. Es geht weiter. Aus dem Labieratorium wurde das Kollabieratorium. Gründer Olaf Wirths erklärt, wo genau die Probleme lagen und wie es so schnell zu einer neuen Lösung, gemeinsam mit der Bierothek ® und  deren Chef und Gründer Christian Klemenz gekommen ist.

Labieratorium Cottbus

Ende 2018 musstest du gemeinsam mit deiner Frau euer Unternehmen Labieratorium schließen. Da hing ja ganz schön viel dran – von der Brauerei bis zum Shop.

Ja genau, und das ist im Grunde auch der Hauptgrund des Scheiterns. Ich habe mir damals in den Kopf gesetzt, unbedingt eine eigene Brauerei in der Region, in der wir leben, aufzubauen. Wir haben ja Anfang 2016 mit unseren Bieren gestartet, beziehungsweise Ende 2015 mit einem historischen Bierstil, neu interpretiert das „1385“. Und dann sind wir einfach verfrüht in die Brauereiphase gegangen.  Kuckucksbrauen ist bei bestimmten Mengen allerdings immer noch die einfachere und auch preiswertere Variante. Aber wir dachten, das wird schon, weil unser Bier super angelaufen ist.

Und was war an dieser Überlegung falsch?

Labieratorium hat besonders am Anfang sehr viel und sehr schnell Fahrt aufgenommen und das ist insbesondere bei mir in Euphorie ausgeartet. Wir hätten mit dem Bau einer Brauerei eigentlich noch mindestens zwei Jahre warten müssen, denn dann wären unsere Absatzzahlen stabilisiert und aussagekräftiger gewesen. Wir haben einfach nicht mit einem verlangsamten Wachstum nach der ersten Hochphase gerechnet. Am Ende haben wir halt noch keine 1500 hl Absatz, sondern nur 900 hl gehabt und das hat uns das Genick gebrochen.

Labieratorium Cottbus

Wenn schon, denn schon: Als Craft Beer Pioniere gingen sie gleich weit in Craft Beer Neuland. (Foto: StP)

War das Cottbusser Publikum nicht bereit?

Man muss wissen, die Niederlausitz ist sehr ländlich, mit einer geringen Einwohnerdichte. Sein Bier hier an den Mann zu bringen ist doch schwieriger als gedacht – hinzu kam auch die Zusammenarbeit bzw. nicht-Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren wie der CMT Cottbus, Congress, Messe und Touristik GmbH. Generell hat der deutsche Biermarkt in den letzten 15 Jahren versäumt, die Wertigkeit von Bier dahin zu bringen, wo sie eigentlich hingehört. In vielen anderen europäischen Ländern hat die Qualität von Bier einfach einen höheren Stellenwert – schaut man mal nach Belgien, Irland oder sogar Frankreich und Italien. Wenn wir da jetzt allerdings nicht einsteigen, werden wir den europäischen/weltweiten Schub nach vorn, was qualitativ hochwertige Bier angeht, verpassen.

Wann war euch denn klar, dass es so nicht weitergeht? 

Sowas ist immer ein Prozess. Es gibt meist schon früh kleine Anzeichen – in unserem Fall wurde die Brauerei zu spät geliefert und dann waren die Baukosten aufwändiger als gedacht. Dadurch entstanden unvorhergesehene Ausgaben, die wir so nicht im Blick hatten. Ein weiterer Punkt war das Problem gut ausgebildete Brauer/innen zu finden. Gerade junge Braumeister gehen in urbane Zentren und nicht irgendwo aufs Land – und die erfahrenen Brauer sind meist an ihrem Wohnort schon so gefestigt, dass sie nicht mit Kind und Kegel umziehen möchten. Dann haben wir Logistik und Vertrieb massiv unterschätzt – wie viel Zeit und Geduld es braucht, das eigene Bier bei den Leuten bekannt zu machen. Und wir haben auch nicht damit gerechnet, mutwillig sabotiert zu werden – oder auf so starkes Konkurrenz-Denken zu stoßen.

So ganz deutlich ist es im Sommer 2018 geworden. Da hatten wir auch noch eine kleine Havarie in der Brauerei. Natürlich habe ich versucht zu intervenieren, mit Cash, damit man ein bisschen länger aushält. Aber ab September ging das nicht mehr. Da haben wir dann auch begonnen, nach Partnern zu suchen. Es gab auch wirklich interessante Gespräche dazu, das war aber alles zu kurzfristig. Und so mussten wir zum 1.12.2018 Insolvenz anmelden – sonst macht man sich einfach auch irgendwann strafbar.

Inwieweit hat euch die Insolvenz privat getroffen?

Wir haben im Laufe der Zeit circa 800.000€ Kredit aufgenommen. Dafür mussten wir teilweise auch privat bürgen. Das trifft einen also nicht nur geschäftlich. Wenn auf einmal alles Ersparte weg ist, muss man sich wirklich nochmal neu erfinden und mit der neuen Situation zurechtkommen. Auch unsere beiden Kinder – die erleben das Ganze ja hautnah mit. Ich bin allerdings schon viel gereist in meinem Leben und habe gesehen, unter welchen Umständen viele Menschen leben. Das hilft dann doch ganz gut, das Ganze zu relativieren. Ansonsten haben wir viel Unterstützung erhalten. Die Insolvenz hat große Furore gemacht. Wir bekamen viele Anrufe und Emails – offenbar kamen wir größer rüber, als wir am Ende tatsächlich waren. Und dann kam da ein Anruf von Christian Klemenz aus der Bierothek ® Bamberg mit einem tollen Angebot: „Deine Marke hat ein Recht zu bestehen und wenn du physisch und psychisch wieder kannst, dann bin ich dabei!“

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Es kann weitergehen – mit dem Gott Pan – sorgfältig durchdachtes Logo der Labieratorium-Biere. (Foto: OW)

Da hat er einen Punkt: Psychisch setzte einem das doch sicherlich massiv zu. 

Du stellst alles in Frage. Aber Niederlagen gehören dazu. Ich bin ein Grundoptimist, das ist meine Persönlichkeit. Aber zugegeben war der Anruf der Bierothek ein wichtiger und großer Motivator. Dein Unternehmen ist dabei wie dein Kind, und du siehst, es kann nicht atmen. Total schmerzhaft. Dann versuchst du halt alles zu geben, dass es trotzdem funktioniert. Und die Kollaboration mit Christian und der Bierothek ist jetzt ein weiterer Versuch, dieses Kind am Leben zu halten. Da müssen wir jetzt einfach sehen, wie sich die Nachfrage an Craft Beer entwickelt und ob unsere Biere gut genug sind, bzw. ob die neue Strategie aufgeht.

Tröstet es dich, dass auch andere scheitern, wie etwa Stone Brewing Berlin?

Natürlich tröstet die Niederlage eines Anderen nicht, aber die Parallelen sehe ich auf jeden Fall. Auch Greg Koch ist in Berlin daran gescheitert, dass der Markt nicht bereit war. Er hat aber auf der anderen Seite die Dose in Deutschland etabliert – das muss man ganz klar sagen. Ja er hat den Markt falsch eingeschätzt. Pioniere haben es immer schwer, dafür können andere Brauer jetzt davon profitieren. Wichtig sind einfach die richtige Zeit und der richtige Ort, und manchmal ist man einfach zu früh – so wie Greg Koch für Berlin und Europa. Und vielleicht waren wir auch zu früh in der Nierderlausitz.

Jetzt hast du ja mit einer neuen Businesspartnerin der Bierothek ® , die Kollabieratorium UG gegründet. Wieso die Bierothek? Ist deine Frau in dieser Konstellation noch involviert?

Nein, Anja macht jetzt ganz was anderes, hat aber weiterhin die Leidenschaft zum Bier und lebt diese jetzt mehr redaktionell und journalistisch aus. Und die Bierothek weil: Die Logistik ist hervorragend, es gibt viele Filialen in Deutschland, die gut vernetzt sind. Die Stores unter sich bilden eine Community, die sich austauscht und gegenseitig unter die Arme greift und gemeinsam mit lokalen Akteuren etwas aufbauen will. Wir sind ja momentan auch abhängig vom Geld, und die Bierothek finanziert unsere Biere jetzt vor. Anders wäre das für Labieratorium gar nicht machbar.

Mit welchen Bieren seid ihr zurzeit am Start?

Gebraut wird im Moment in der Brauerei Hartmannsdorf bei Chemnitz. Und zwar unsere beiden Cottbusser Biere  – der regionale Bezug soll hier also bleiben. Der Rest wird bei der Privatbrauerei Binkert in Breitengüßbach gebraut und die Collabbrews bei unseren Partnern. Ansonsten brauen wir zurzeit nur unsere Top-Biere. Das Rezept des IPAs habe ich nochmal verfeinert. Dann unsere Schwarze Pumpe (London Porter) – da feile ich gerade an der Viskosität – die Schokonote soll noch stärker herauskommen, dafür die Kaffeenote weniger. Und dann gibt es noch unser Labieratorium Hell. Leider schiebt ja gerade jeder ein Helles auf den Markt. Ich wollte allerdings schon lange ein traditionelles Bier mit einem speziellen Hopfen noch besser machen. Dazu nehme ich den australischen Hopfen Vic Secret. Grundhopfen bleibt trotzdem der Tettnanger von Lukas Locher vom Hopfengut No. 20.

Führt ihr das Bier weiterhin unter dem Namen Labieratorium? Ist dann die Veränderung hinter der Marke überhaupt zu erkennen?

Der Name bleibt, wir versuchen die Geschichte jedoch transparent zu machen. Scheitern im Unternehmen gehört dazu, auch wenn man das nicht gerne anspricht in Deutschland. Das kann jedoch ruhig ein bisschen mehr in den Fokus. Macher sollen wertgeschätzt werden. Man kann nicht Innovation und Mut verlangen, aber das Scheitern verurteilen.

Wo soll Kollabieratorium hinwachsen?

Noch haben wir gar keine Ziele – wir sind im Moment froh, dass unser Vorhaben ganz gut anläuft. Eines ist sicher: Nie wieder in der Größe, wie wir das damals hatten, entweder größer oder von mir aus auch kleiner, aber das bisherige Ausmaß war einfach nicht wirtschaftlich.

Wie möchtet ihr euch denn verorten? Seid ihr immer noch das wilde Bier aus dem Osten? 

Klar gibt es den regionalen Bezug, vor allem mit den Cottbusser Bieren – mit den restlichen Bieren jedoch nicht mehr wirklich. Ich gehe jetzt an meine Wurzeln als Wanderbrauer zurück. Nach meiner Zimmererlehre bin ich ja auch auf die Walz gegangen. Und ich brauche das unterwegs-Sein, um Inspiration zu finden. Unser neuer Slogan ist ja auch: „Heute hier und morgen dort“ – über den Tellerrand zu schauen und Neues dazuzulernen ist für mich essentiell.

kollabieratorium

Die Bierweltreisen sind ein persönliches Anliegen von Olaf (Foto: OW)

Hat dich die Schließung des Labieratoriums verändert?

Ja klar hat das etwas in mir verändert und bestimmt auch eine Reifung meiner Persönlichkeit bewirkt. Aber der Kern bleibt: Ich habe drei Leidenschaften: Reisen, Bier und Natur. Und dann habe ich mir überlegt – was will ich am liebsten davon? Und eigentlich ist das die Dreiersymbiose, deshalb will ich weiterhin das Thema Bier pushen und vermehrt auf Bierreisen setzen, um eben alle drei Komponenten zu verbinden.

Was hat es mit diesen Bierreisen auf sich? 

Wir bieten diese Reisen zusammen mit der Reiseagentur Wikingerreisen und anderen Partnern an. Da kann man deutschlandweite Touren, aber auch Trips nach Irland, ins Baltikum, oder spezielle Hopfenreisen nach Tettnang unternehmen. Wir haben zum Beispiel neulich einen 10 Tage „West Atlantic Trail“ Trip an die amerikanische Westküste gemacht.

Was wünscht du dir für die Zukunft von Kollabieratorium? 

Oh, das ist schwierig in wenigen Worten zu sagen. Es wäre super, wenn die Etablierung unserer Marke funktionieren würde. Ich wünsche mir außerdem, dass viele Menschen unsere Bierreisen buchen und so mehr über Bier erfahren, denn Bier bringt die Leute zusammen. Und natürlich will ich vor allem tolle Biere machen. Es liegt ja auch eine Kunst darin, ein Bier immer besser werden zu lassen.

(Text: Clarissa Omiecienski)
(Aufmacherbild: Olaf Wirths und Christian Klemenz (Foto:OW))

>>> Und wer sich für die ganze, wilde Geschichte von Labieratorium interessiert, so ganz von Anfang an. der wird auf der nächsten Seite fündig!