Tiny Batch

TINY BATCH: „Bier brauen ist wie Songs schreiben“

Thomas ReddersIm Gespräch, Interviews

Eigentlich verstehen es Ansgar „Sir Frank Doe“ Freyberg und seine Bandkollegen von „The BossHoss“, die Menschen mit ihrer Musik zu begeistern. Jetzt bringt der Erfolg aber auch den Luxus mit, sich Pausen erlauben zu können. Die Zeit hat Ansgar genutzt, die Tiny Batch Brewing Co. zu gründen.

Begonnen hat alles 2016 mit einem Braukurs. Ansgar war sofort angefixt und hat sich eine Heimbrauanlage besorgt. Im Treppenaufgang war noch Platz. Und besorgt bedeutet: Er hat einen namhaften deutschen Hersteller angerufen und gesagt, dass er der Drummer von The BossHoss ist und dass die Anlagen ganz schön teuer sind. Danach brauchte es nur noch ein bisschen Glück. Der Kontakt beim Hersteller kannte die Band. Findet sie gut. Und konnte da was am Preis machen. Der Grundstein für Tiny Batch Brewing war also gelegt. Ansgar sagt dazu: „Ich war sehr dankbar, das hat die Schwelle wirklich anzufangen, doch nochmal gesenkt.“

Tiny Batch setzt in erster Linie auf Lagerbiere. Im ersten Batch auf Pils. Naja, eigentlich. Die offizielle Bezeichnung ist „Good Beer„, denn neben Gerstenmalz ist eben auch Weizenmalz enthalten – nach dem Vorläufigen Biergesetz für untergärige Biere nicht erlaubt. Also ein „Illegal Pils“, wie Ansgar es nennt.

Tiny Batch Ansgar

Ansgar Freyberg, alias Sir Frank Doe mit seinem Good Beer. (Foto: Tiny Batch)

Wir haben uns mit dem Drummer und Brauer unterhalten. Er hat uns erzählt, was Musik und Bier und Tiny Batch und The BossHoss gemeinsam haben, was Tiny Batch auszeichnet und ob Tiny Batch das neue BossHoss Bier werden kann.

Ansgar, zu allererst, warum hast du mit dem Brauen angefagen?

Wir haben mit der Band eine Pause gemacht und mir fehlte ein Hobby. Ich habe mit der Musik mein Hobby zum Beruf gemacht. Dass ich jetzt auf dem besten Wege bin, mein neues Hobby zum Beruf zu machen, sei mal dahingestellt. Die Frage war, was sich gut mit dem Tour-Alltag und der Band kombinieren lässt. Was macht Spaß? Was passt zu mir? Und nach 25 Jahren Erfahrung mit dem Bier trinken, kann ich sagen, dass ich mich mit dem Produkt auskenne (lacht). Der handwerkliche Prozess und das Produkt haben mich total gereizt. Nachdem ich jetzt schon meinen eigenen Garten habe und selbst anbaue, ganz viel mit Holz mache, habe ich einen Braukurs besucht. Ich war von der Komplexität schwer beeindruckt und fand es sofort spannend. Naja, so kam ich zum Bier wie die Jungfrau zum Kinde.
Was ich außerdem reizvoll fand, war die ganze Szene, diese positive Atmosphäre unter den Brauern.

Wann hast du angefangen, kommerziell zu brauen?

Eigentlich jetzt erst. Der letzte Sud war mein erster „größerer“. Den habe ich Anfang des Jahres gebraut und im Juli rausgebracht. Wobei ich Schwierigkeiten habe, mich innerlich auf kommerziell einzustellen. Das war gar nicht meine Absicht und soll es eigentlich auch gar nicht sein, ABER! Es kostet alles natürlich ein bisschen Geld. Ich hatte immer vor, eine Flasche rauszubringen, unabhängig von kommerziell oder nicht. Ich wusste, dass The BossHoss viele Fans hat und es sicherlich viele interessiert, was ich so mache. Wir hatten ja auch mal ein BossHoss Bier.

Ich wollte das Bier nicht nur für meinen Dinner-Abend zuhause brauen. Wie bei der Musik war es mir von vornherein wichtig, viele Menschen zu erreichen. Mein Ziel ist es gar nicht, damit das große Geld zu verdienen. Deshalb heißt es auch Tiny Batch. Eigentlich bin ich happy, wenn die Leute Bock drauf haben und wenn sich das ausnullt.

Aber wenn man dann mal loslegt, kommt natürlich eins zum anderen: Label suchen, Namen suchen. Das habe ich voll unterschätzt. Und ich stecke da eigentlich in einer klassischen Start Up Situation. Das habe ich gar nicht gewollt. Ich bin in diesem Jahr kaum zum Brauen gekommen.

Wo hast du deinen ersten großen Sud angesetzt?

Bei Brewbaker.

Und da willst du bleiben, oder planst du schon was eigenes?

Ich möchte eigentlich weiter unabhängig brauen. Ich finde eine eigene Brauerei, oder sogar eine eigene Braugaststätte, total spannend. Aber da habe ich noch zu viel Respekt vor den ganzen Fremdeinflüssen: Personal, Planung, Geräte. Davon habe ich auch keine Ahnung (lacht). So wie es jetzt ist, habe ich maximale Unabhängigkeit. Das Produkt kostet zwar erstmal ein bisschen mehr, aber ich habe die Sorge nicht, dass mir eine teure Maschine ausfällt.

Du hast bereits gute Kontakte zum Beispiel zu Mahrs Bräu oder zu Stone. Hast du dir da ein paar Kniffe für’s Brauen abgeschaut?

Am Anfang war ich natürlich heiß darauf, mit möglichst vielen Brauern zu quatschen. Stephan von Mahrs Bräu war vor Jahren schon mal mit unserem Management im Gespräch, als es darum ging, das BossHoss Bier zu brauen. Das wusste ich aber gar nicht. Ein ehemaliger Mitarbeiter vom Management hat mich erst darauf hingewiesen. Sein Input war: „Du musst den Stephan kennenlernen. Wundert mich, dass ihr euch noch nicht kennt, aber ruf ihn doch mal an!“ Das hab ich gemacht und stand zwei Tage später bei ihm in Bamberg auf der Matte.

Dann haben wir erstmal schön einen ausgesoffen. Und er hat mir Bamberg noch ein bisschen gezeigt, was sehr inspirierend war. Also wollte ich ein Praktikum bei ihm machen. Nur einen Monat später stand ich wieder bei ihm auf der Matte – diesmal im Blaumann. Bei Mahrs Bräu habe ich gemerkt, dass so eine eigene Brauerei schon ein bisschen was anderes ist. Das war im letzten Jahr.

Er hat mich sehr in die Szene eingebracht und mir unter anderem Greg (Anm. d. Red.: Greg Koch, Gründer von Stone Brewing) vorgestellt. Wir teilen neben dem Bier noch eine Leidenschaft: Maui. Greg hat dort ein Domizil und ich nehme dort mit meiner Familie gerne mal eine Auszeit. Also haben wir ihn besucht und gemeinsam zwei schöne Tage verbracht.

Und unter den Brauern ist es ja wirklich so: Kennst’e Einen, kennst’e Alle!

In der Zwischenzeit habe ich also Tiny Batch gegründet und kürzlich mit Stephan mein erstes Kollab Bier gebraut – Mista Callista Spezial, ein Helles mit Callista Hopfen, ganz klassisch, nicht gestopft, dafür aber mit 6 Vol.-%.

Dein erster Batch war ein Pils, einmal klassisch, einmal hopfengestopft. Hast du dich bei deinen Bierstilen von Mahrs Bräu inspirieren lassen? Und willst du beim Lager bleiben?

Also Stephan sitzt so ein bisschen zwischen den Stühlen. Und da sehe ich mich auch. Ich bin einfach nicht der krasse IPA-Trinker. Im Gegenteil. Mir stößt es auf, dass Craft Beer Brauereien aus dem Ausland herkommen und jetzt den deutschen Markt überfluten. Das darf man jetzt nicht falsch verstehen. Ich meine gar nicht dieses „Mein Land, dein Land“. Ich bin nur manchmal ein bisschen traurig darüber, das die deutsche Bierkultur dabei etwas untergeht. Auf der einen Seite schaut die ganze Welt auf unsere Bierkultur, auf der anderen Seite wird’s bei uns einfach nicht wertgeschätzt.

Bei uns zählt Bier als Grundnahrungsmittel und ist fast billiger als Wasser. Das ist keine Wertschätzung, wenn man für einen halben Liter nicht mehr als einen Euro zahlen will. Wir haben uns selbst verkommen lassen. Und die ausländischen Brauereien sind teilweise geschmacklich schon so viel weiter. Bevor Deutschland vollkommen von Craft Beer aus dem Ausland überflutet wird, müssen wir dem entgegentreten. Die deutsche Zunge ist teilweise völlig überfordert mit den IPAs aus dem Ausland.

Wir müssen die Deutschen zum einen geschmacklich dort abholen, wo sie sind und zum anderen die untergärigen Biere in der Craft Beer Welt voranbringen. Genau da sehe ich meinen Auftrag.

Ich sehe auf Craft Beer Festivals im Ausland, wie sehr die Leute sich über untergärige Biere freuen. Auf 100 obergärige Biere, kommt vielleicht ein untergäriges. Und das ist meistens von Stephan. Mein bescheidenes Ziel ist es, mich mit dem Zweiten daneben zu stellen.

Trotzdem hast du erzählt, dass du auch ein Saison brauen willst. Wie weit bist du damit?

Der Plan steht noch, aber das werde ich schieben. Das passt ja gerade nicht. Man soll sich außerdem nicht zu viel vornehmen, nur ein bisschen mehr als man schafft. Es wird auf jeden Fall kommen. Aber erst einmal widme ich mich den untergärigen Bieren.

Es gibt mit Logan Plant von Beavertown und beispielsweise Greg Koch, um nur zwei der vielleicht Bekanntesten zu nennen, immer wieder Brauereigründer, die aus dem Musikbusiness kommen. Woher kommt bei euch die Bier-Affinität?

Das habe ich mich tatsächlich auch schon gefragt. Wenn ich mich mit Greg unterhalte, redet der gar nicht von Bier, sondern nur über Musik. Ich hab krampfhaft versucht mit ihm über Bier zu reden, aber wir kommen immer wieder zur Musik.

Ich weiß nicht woran es liegt, kann da nur von mir sprechen. Bei mir ist es einmal das Handwerk, also dass man wirklich anpackt. Das Produkt ist ja in dem Fall eines, das jeder kennt. Aber da gibt’s diese 1000 Facetten und Daseinsberechtigungen. Das finde ich eigentlich das Spannende. Ich hab früher nie gesagt, dass ich unbedingt Bier brauen will. Erst nach dem Braukurs war mir klar, dass das wie Musik machen ist. Du kannst viele Stellschrauben verstellen, wie beim Schlagzeug spielen.

Viele Musiker sind für das Handwerkliche nicht wirklich geeignet. Beim Brauen muss man schon anpacken! Das darf man nicht scheuen. Aber wenn man das mitbringt, sind Musik machen und brauen total ähnlich.

Für mich ist jedes Bier wie das Schreiben eines neuen Songs. Wenn der Song fertig ist und ich ihn jemandem vorspiele, bin ich immer ziemlich aufgeregt.

Wird Tiny Batch zum neuen, offiziellen Tour-Bier von The BossHoss?

Sehr gerne, aber da halte ich mich noch bedeckt. Wir hatten schon mal ein BossHoss-Bier. Das lief aber so mittelmäßig – hat aber auch nicht geschmeckt (lacht). Ich würde es super gerne machen. Aber um ehrlich zu sein, sind wir da gleich in einer anderen Liga. Das ist dann nicht mehr klein und fein, sonder Masse. Das wäre ein ganz anderer Stressfaktor. Für mich ginge ein Stück Unabhängigkeit verloren. Auf der anderen Seite wäre das natürlich eine logische Konsequenz. Ich hätte auch Bock das zu machen, würde mir dann aber einen Partner wie Mahrs oder Stone mit ins Boot holen.

Was sagen denn deine Bandkollegen zu deinem Bier? Bevorzugen sie das hopfengestopfte, oder das klassische Pils?

Die finden beide Biere super. Die Idee mit den zwei Sorten ist beim Brauen erst entstanden. Ich finde es total spannend zu sehen, wer jetzt welches Bier wählt. Dass sich das überhaupt in Waage hält, hätte ich nicht gedacht. Und dass auch so viele Frauen das Hopfengestopfte mögen, hat mich noch mehr überrascht.

Deine Flaschen stechen durch die hawaiianischen Blumenmuster heraus. Warum hast du dich für diese Form und das Blumenmuster entschieden?

Also zuerst stand das Logo. Ich hatte eine Liste von Namen, war aber auf äußeren Input angewiesen, also auf jemanden, der mir mal sagt: „Das ist geil, das ist scheiße.“ Dann hat ein Bekannter ein paar Proben skizziert. Dazu gehörte auch mein Logo, so wie es jetzt auf der Flasche ist. Das blieb aber erstmal ein Jahr lang liegen und ich habe weiter überlegt. Sich festzulegen ist so schwer. An einem bestimmten Punkt musste ich sagen: „Ich nehme jetzt den Namen und dann bleib ich auch dabei.“

Tiny Batch Brewing

Tiny Batch „Good Beer“: Abgefüllt aus dem ersten großen Sud! (Foto:TR)

Ich wollte mich auf der einen Seite von dem BossHoss Ding abheben, etwas eigenständiges kreieren. Auf der anderem Seite sollte es zu unserem Style passen. Das Logo ja schon im Western-Look, ich finde es auch cool so.

Aber um mich abzuheben, muste da noch mehr passieren. Ich habe nämlich gemerkt: Männer fanden’s geil, Frauen nicht! Ich wollte aber den Frauen gefallen (lacht). Als ich meinem Designer davon erzählt habe, kam dieser mit einer Reihe Blumenmuster-Etiketten um die Ecke. Die hatte er bereits entworfen, hat sich aber nie getraut sie mir zu zeigen. Ich fand’s sofort geil, bin ja Maui-Fan und Hawaiihemdträger. Aber ich weiß auch, dass es schwer ist coole Hawaiihemden zu finden. Und genau diese Gradwanderung hat mich total gereizt, auch bei meinen Etiketten. Und zum Rock ’n‘ Roll passt das ja allemal.

Jetzt stehst du noch ganz am Anfang deiner Brauer-Karriere. Was sind deine Pläne für die nächste Zeit?

Ich möchte unabhängig bleiben, mit Lagerbieren experimentieren und viel mit anderen Brauern brauen. Es wird nicht leicht, dabei weiter wirtschaftlich zu arbeiten. Kleine, handgemachte Batches sind mein Traum, aber immer auch teurer.

Der Handel beispielsweise will ein gleichbleibendes Produkt. Die Gastronomie hingegen will oftmals ein besonderes Produkt, das es im Handel nicht gibt. Ständige Verfügbarkeit wollen beide.

Mein Traum wäre es, eine Nische für mein Tiny Batch im Markt zu finden und damit eine Daseinsberechtigung zu erhalten. Vielleicht ist es ein unerreichbarer Wunschtraum. Aber die Reise dahin macht bisher auf jeden Fall sehr viel Spaß. Und das ist mir ehrlich gesagt das Allerwichtigste.